Kirchenpolitische Orientierung des Katechetischen Oberseminar im historischen Kontext

Von Hamel bis zum Ende der „Kirche im Sozialismus“

Am 5. September 1973 hatte ich bei Frau Lizenziat Möller meinen ersten Hebräischunterricht, mit dem für mich das Theologiestudium am Katechetischen Oberseminar Naumburg begann. Ein Vorhaben, das für einen Neuorientierung suchenden Sprössling der Arbeiterklasse und früheren Verfechter der Diktatur des Proletariats wie mich den Eintritt in eine völlig neue Welt bedeutete. Ich notierte am Abend desselben Tages in mein Tagebuch:

„Heute habe ich hebräisch schreiben und lesen gelernt. Das allein macht schon viel Freude und ist gar nicht so schwer. Kompliziert wird für mich, daß in dieser Ursprache ein Wort viele Bedeutungen hat und die gerade gemeinte nur aus dem Kontext zu erschließen ist. Mir fällt schwer, alles im Kopf zu behalten, die anderen lernen leichter und schneller. Die meisten meiner Kommilitonen sind allerdings direkt von der Schule hierher gekommen, während sich bei mir bemerkbar macht, daß ich drei Jahre am Theater hinter mir habe, wo das Gedächtnis kaum trainiert werden mußte. Deshalb sitze ich die doppelte Zeit am Schreibtisch und brauche öfter eine Pause.

Am Abend hatte ich ersten Besuch: Oberstudienrat Johannes Hamel, ein zukünftiger Lehrer von mir und gleichzeitig mein Nachbar. Macht einen sehr netten Eindruck (ich hoffentlich auch auf ihn!) und ist ebenfalls in Erfurt groß geworden, wie er mir erzählte. Überhaupt sind die Dozenten, die ich bis jetzt kennen lernte, mir sehr umgänglich erschienen. Es geht hier nicht so streng zu wie an der Schule und nicht so unpersönlich wie an der Universität. Wir haben eine ausgesprochen fortschrittliche Verfassung, wie sie noch nicht einmal die Studenten in der Bundesrepublik kennen (habe ich mir sagen lassen). Es gibt einen Konvent, der paritätisch aus Studenten und Dozenten besteht. Was also die Studenten nicht bewilligen, kann nicht umgesetzt werden, denn es gelten ausschließlich Mehrheitsbeschlüsse. Darüber hinaus gibt es zwei Vertrauensstudenten und einen Studentenrat, der die Beschwerden der Studenten über die Dozenten bearbeitet. Und manchmal soll sich sogar schon etwas geändert haben.“

Damit war diese neue Welt bezogen auf ihre Personen und ihre Institution schon hinreichend und konträr zu allem von mir bis dahin im real existierendem Sozialismus erlebten beschrieben: Ein Dozent, der sich persönlich um einen kümmert (später beim — für jemand wir mich unausweichlichem — Gang zum Salztor manchmal ziemlich anstrengend) und eine Hochschule, die durch und durch demokratisch organisiert war.

Und was war Johannes Hamel für ein Mensch, Dozent und Theologe! Seine Dogmatik habe ich zwar nie so richtig verstanden, aber als Lehrer war er eine Autorität, mit niemandem vergleichbar. Seinem Vortrag musste man einfach zuhören und ging immer — auch bei kritischer Haltung dem Gesagten gegenüber — mit Gewinn aus dem Saal. Als Mensch war er für viele ein Vorbild, für mich zuerst in politischer Hinsicht.

Ich erfuhr von Kommilitonen älterer Jahrgänge alsbald, dass Hamel in den 50er Jahre als Studentenpfarrer in Halle offensiv eine geradlinige Haltung gegenüber dem kommunistischen Terror im Kirchkampf der Ulbrichtzeit vertreten hatte und dafür auch bereit gewesen war, in den Knast zugehen — worauf er nicht lange warte musste. Er selbst sprach nicht viel darüber, erst als ich sein Buch „Christ in der DDR“ in die Hand bekam, wurde mir die Grundlage seiner Haltung, aus der er die Kraft schöpfte zu widerstehen, schnell klar. Dort waren solche schönen Sätze zu lesen, wie:

„Die Obrigkeiten sind … Instrumente göttlicher Vorsehung, die diesem ihrem Sein auch dann nicht entrinnen, wenn sie von ihrem Auftrag nichts wissen oder gar nichts wissen wollen.“

Das war schon mal nicht schlecht, nur gehörten die Studierenden in den 70er Jahren zu einer Generation, die den Herrschenden mit deutlichen Worten (und Taten) auch sagen wollten, was ihr Auftrag als Regierende eines sich demokratisch nennenden Staates ist und wie sie ihn wahrzunehmen hatten.

Da half natürlich zuerst ein fester Glaube, aber auch die KSZE – Verhandlungen in Stockholm, vor allem mit ihrem Korb III zum Thema Menschenrechte. In der Naumburger Studentengemeinde wurden — besonders seit Edelbert Richter Studentenpfarrer war — die Menschenrechte in ihrer Anwendung auf den Sozialismus besonders intensiv diskutiert.

Erfahrungen wie die Indoktrination der Kinder in der sozialistischen Volksbildung (Brüsewitz) und die wieder zunehmende Unterdrückung von Kunst und Kultur (Biermann – Ausbürgerung) führten schließlich (und wohl auch als Reflex der Charta 77) zu einem „Manifest der Naumburger Menschenrechtsgruppe…“. Unter der Überschrift „Frieden, Zukunft und Hoffnung“ wurde dieses ab dem 1. Mai 1977 mit den beschränkten Möglichkeiten der PUT (von der wir damals natürlich nicht wussten, dass sie so heißt…) in der (kirchlichen) Öffentlichkeit verteilt wurde.

Darin heißt es:

„›Die ökumenische Bewegung gibt uns … Gelegenheit, Menschen überall in der Welt für die gemeinsame Sache zu mobilisieren und über die einzelnen Gemeinden und Gemeindemitglieder einen moralischen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten…‹ (Aus dem Memorandum des ÖRK zur Anwendung der KSZE – Schlussakte, Amtsblatt KPS 20.01. u. 23.02.77) Es muß unser Ziel sein, auf diese Weise eine Massenwirksamkeit zu erreichen, die der staatlichen Willkür ein umfassendes Verantwortungsbewußtsein und Aufmerksamkeit entgegensetzt. Das Volk soll prüfen anstatt zu gehorchen und der Befehls– und Verdummungsmaschinerie durch Selbständigkeit und Selbstbewußtsein die Grundlage zu entziehen.“

Damit war die Linie für das Engagement in der Studentengemeinde und anderen kirchlichen Gruppen und die Arbeit im künftigen Pfarramt klar beschrieben. Der offene Brief der Naumburger Studentenschaft im Wintersemester 1980/81 zum Thema „Erziehung zum Frieden“ war eine Konsequenz dieser einmal erkannten und für die Beeinflussung der gesellschaftlichen Entwicklung im Sinne ihres „göttlichen Auftrags“ (Hamel) formulierten Thesen.

Zugleich war hier die Absage an die von einigen Bischöfen und Theologen seit 1971 propagierte „Kirche im Sozialismus“ deutlich ausgesprochen. Die Schönherrsche Formel: „Wir wollen Kirche nicht neben, nicht gegen, sondern im Sozialismus sein.“ stimmte ja sowieso hinten und vorn nicht, denn sie warf sofort die Frage auf: Welcher Sozialismus ist denn hier gemeint? Nach der blutigen Niederschlagung des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ am 21. August 1968 musste doch jedem denkenden Menschen, zumal jedem der Wahrheit verantwortlichem Pfarrer/jeder Pfarrerin klar sein, dass es sich bei dem in der DDR praktizierten Sozialismus nur um ein der Unmenschlichkeit verpflichteten Machtanspruch einiger weniger skrupelloser Herrscher handelte. Deshalb war es nur konsequent, dass die Protagonisten der Naumburger Studentenbewegung ihr Engagement nicht für eine „Kirche im Sozialismus“ einsetzten, sondern 1985 eine „Solidarische Kirche“ gründeten, „die die gesellschaftliche und kirchliche Entwicklung aus dem Blickwinkel ihrer Opfer betrachtet“.

Naumburg, 5. Juli 2009

weiterführende Literatur

  • Kleiner Pionier, was nun? in: Don’t Worry, Be Happy!, Literarische Dokumentation, Lothar Tautz, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2000, S. 44
  • Christ in der DDR, unterwegs. Johannes Hamel, Käthe Vogt Verlag, Berlin, 1957, S. 21
  • „Ich werde dann gehen…“ — Erinnerungen an Oskar Brüsewitz, Krampitz, Tautz, Ziebarth (Hrsg.), Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006, S. 154
  • Opposition und Widerstand in der mitteldeutschen Provinz, Betroffene erinnern sich (Band 19), Lothar Tautz, Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2004, S. 41
  • Warte nicht auf bess’re Zeiten, Lothar Tautz, Christian Radeke (Hrsg.), Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1999, S. 85ff
  • Die Solidarische Kirche in der DDR, Joachim Goertz (Hrsg.), BasisDruck Verlag, Berlin 1999, S. 191

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