Kirche zwischen Opportunismus und Opposition

Zur Diskussion nach dem Opfertod von Oskar Brüsewitz 1

Diese Überschrift hatte die im Oktober 1976 im Samisdat der DDR erschienene Dokumentation einer Naumburger Menschenrechtsgruppe über die Gründe und Konsequenzen der Selbstverbrennung von Pfarrer Brüsewitz am 18. August desselben Jahres. Die damit schon nach kürzester Zeit vorgenommene Bewertung des Zustandes der Evangelischen Kirche und des Charakters der Protestaktion von Zeitz hält der historischen Kritik bis heute stand: Die Christenheit drohte sich im Opportunismus gegenüber der sozialistischen Staatsmacht einzurichten, deshalb kam für einen aufrechten Streiter gegen Unterdrückung und Verderben das letzte Mittel in Betracht, das Selbstopfer.

Im Sommer 1976 war die DDR auf Konsolidierungskurs: Der IX. Parteitag der SED feierte die von Honecker (erstmals als Generalsekretär) propagierte „Einheit von Wirtschafts– und Sozialpolitik“ als Grundlage für einen allgemeinen Aufschwung der Lebensverhältnisse im Lande und die außenpolitische Anerkennung, gerade besiegelt mit der Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki. Die evangelischen Christen hatten sich in ihrem Staatsgebiet eingerichtet und den „Bund Evangelischer Kirchen in der DDR“ gegründet. Von der Partei mit der führenden Rolle hatten sie erneut „Glaubens– und Gewissensfreiheit“ und ein „Sonderbauprogramm“ in Neubaugebieten zugesichert bekommen.

Alles wäre gut gewesen, hätte es nicht einzelne DDR – Bürger, Künstler und Kirchenleute gegeben, die unverdrossen Unrecht benannten und ebendie in der Schlußakte von Helsinki (Korb III) formulierten individuellen Freiheitsrechte für sich reklamierten. Dazu gehörte auch der Prediger aus Rippicha bei Zeitz, der mit beleuchteten Kirchturmkreuzen und Plakataktionen von sich reden machte 2. Er scheute sich nicht, neben das staatliche Transparent „25 Jahre DDR“, ein persönliches Schriftband „2000 Jahre Kirche Jesu Christi“ zu hängen und neben den sozialistischen einen „Evangelischen Kinderspielplatz“ einzurichten.

Allerdings wurden seine Aktionen vorwiegend aus unverdächtiger Ferne bewundert, wirkten sie doch manchmal wie die des mittelalterlichen Narren, der seiner Gesellschaft den Spiegel vorhält. Das kann, wie man aus der Geschichte weiß, für den Akteur gefährlich werden. Deshalb blieb er allzu häufig allein, sah sich im „Kampf gegen das Böse“ von seiner Kirche in Stich gelassen 3. So muß der Gedanke gereift sein, in der Sorge um die Jugend durch ein Selbstopfer auf die von Unrecht und Lüge geprägten Lebensverhältnisse in der DDR aufmerksam zu machen. Noch im Tod auf die Solidarität seiner Glaubensgeschwister hoffend — „Die Kirchen klagen den Kommunismus wegen Unterdrückung der Jugend an“ — und auf die Schwächsten in der Gesellschaft hinweisend — „Verderbt diese Jugend nicht“ — 4, protestierte er gegen das Programm der „allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“, das keine andere Aufgabe hatte, als den Menschen den „Mächten der Finsternis“ gefügig zu machen 5.

Der politischen Dimension dieser existentiellen Problematik entsprechend war die Auseinandersetzung in den Folgewochen des 18. August innerhalb der Kirche, zwischen ihrer Leitung und dem Staatsapparat, national und international heftig. Es ging um die Deutung der Tat und die Botschaft des Protestes. Vor allem SED und CDU versuchten, Brüsewitz als Geisteskranken hinzustellen, damit jede weitere Diskussion überflüssig würde 6. Aber trotz brachialer Unterdrückungsmaßnahmen und Verbotes von Kirchenzeitungen 7 setzte sich unter den Christen und dann auch in breiten Kreisen der Bevölkerung die Überzeugung durch, dass hier ein gewissenbehafteter Mensch einen Opfertod gestorben war, der damit auf Unrecht im sozialistischen Staat hinweisen wollte 8.

Sowohl für die Kirche als auch für die säkulare DDR – Gesellschaft bedeutete das „Signal von Zeitz“ den Aufbruch vom bloßen Opportunismus der Staatsdoktrin gegenüber hin zur „kritischen Begleitung“ der Entwicklung des Sozialismus und von der individuellen Opposition zur Bildung von oppositionellen Netzwerken, später Gruppen. Wenn der Themenkatalog des Synodalen Höppner vom September 1976 im Kirchenleitungsbericht für die Herbstsynode in Magdeburg über die Selbstverbrennung zu einer „vom Sozialdemokratismus beeinflußte(n) Konzeption“ entwickelt wird, „wie die Kirche den Sozialismus ‚vermenschlichen‘ könne“ 9 und Berliner Künstler um Bettina Wegner und Klaus Schlesinger an Erich Honecker schreiben: „Wir sind keine Christen sondern Sozialisten und bekennen uns zum Marxismus; gerade deshalb wenden wir uns gegen eine Praxis, die darin besteht, die persönliche Würde eines Andersdenkenden zu verletzen, um der politischen Auseinandersetzung mit ihm auszuweichen“ 10, dann ist die Richtung angezeigt, in der sich die DDR – Opposition in den 80er Jahren entwickeln wird. Und wenn der Studentenpfarrer Schorlemmer auf der gleichen Synode fordert, „daß die Kirche als ‚Schutzzone‘ für politisch Andersdenkende dienen muß“ 11, dann ist die Aufgabe der evangelischen Gemeinden beschrieben, derer sie bis zur Herbstrevolution im November 1989 Schritt für Schritt angenommen haben.

Anmerkungen

1: Warte nicht auf bess’re Zeiten…, Oskar Brüsewitz, Wolf Biermann und die Protestbewegung in der DDR 1976–1977, Lothar Tautz, Mitteldeutscher Verlag 1999

2: Don’t worry, be happy!: aus dem Leben eines Mauerkindes, kleiner Pionier — was nun?, Annette Hildebrandt, Lothar Tautz, Halle (Saale): mdv, Mitteldeutscher Verlag 2000, Tautz: S.60 ff.

3: Das Signal von Zeitz: Reaktionen der Kirche, des Staates und der Medien auf die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz 1976; Dokumentation, Harald Schultze (Hrsg.) in Verbindung mit Friedrich–Wilhelm Bäumer, Leipzig: Evangelische Verlags–Anstalt, 1993, 2. Auflage, S. 395

4: Warte nicht auf bess’re Zeiten…, S.21: Nach der Erinnerung von Augenzeugen zitiert. Vgl. den Wortlaut in Das Signal von Zeitz, S. 19

5: Das Signal von Zeitz, S. 388: Die Zielrichtung der „Macht des Bösen“ auf die Erziehung der Jugend hat Brüsewitz im Frühjahr 1976 auch gegenüber dem Verfasser geäußert.

6: ebd., S. 30f. & Warte nicht auf bess’re Zeiten…, S. 23

7: Das Signal von Zeitz, S. 47 – 52

8: Warte nicht auf bess’re Zeiten, S. 26 – 28

9: Das Signal von Zeitz, S. 227ff. & S. 334

10: ebd., S. 268 – 270

11: ebd., S. 327

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