Die Geschichte qualmt noch

Am 4. Dezember wurde in der Konrad – Adenauer – Stiftung das „Lexikon Opposition und Widerstand in der SED Diktatur“ vorgestellt.

Ein Lexikon fängt mit dem Buchstaben „A“ an und wenn unter „A“ als erster Beitrag ein Artikel über den „AKH“, den „Aktionskreis Halle“ folgt, ist den Kundigen klar, dass es sich nur um ein Lexikon über Opposition und Widerstand in der DDR handeln kann. Deshalb wird hier zurecht eine ganze Seite lang der Blick auf die dienstälteste oppositionelle Gruppe im SED–Staat (1969–1989!) gerichtet, der überdies von Beginn an Vertreter beider großen Kirchen angehörten. Peter Maser als Autor zeigt Detailkenntnis und schon wäre man/frau geneigt, befriedigt ob der Objektivität der Darstellung und des eigenen Wissenszuwachses zum nächsten Artikel „Aktion Sühnezeichen“ überzugehen, da bringt eine Formulierung im vorletzten Satz den Lesefluss zum Stocken: „Trotz der Bereitschaft einzelner katholischer Würdenträger, sich vom AKH zu distanzieren, konnte sich das MfS aber letztlich doch nicht zu dessen Auflösung entschließen“ 1. Konnte denn das MfS kirchliche Gruppen auflösen? Zumal in den Jahren 1984 bis 1989, um die es im Zitatzusammenhang geht? Und wer sind übrigens „katholische Würdenträger“ allgemein und in diesem speziellen Fall? Der Terminus wurde zu DDR – Zeiten ausschliesslich von den Blockparteien, also SED wie CDU, der gleichgeschalteten Presse und der Stasi benutzt.

Das Beispiel steht leider für eine große Zahl von Beiträgen verschiedener AutorInnen, die sich untereinander nicht einig geworden sind über die Bedeutung von Begriffen im ideologischen Kontext der sozialistischen Gesellschaftsordnung, ja nicht einmal über die entscheidenden Kategorien „Widerstand“ und „Opposition“ selbst. So versteigt sich der selbsternannte DDR – Kirchen – Experte Gerhard Besier sogar zu der Behauptung: „Von politischer Opposition … wird man zwischen 1961 und 1988 schwerlich reden können“ 2. Dabei hätte er es besser wissen können, wenn er Ehrhart Neuberts einführenden Beitrag zu „Typen politischer Gegnerschaft“ zur Kenntnis genommen hätte.

Wenn man/frau nämlich dem Neubertschen Ansatz folgt, dann ist es kein Problem, über alle DDR – Epochen hin ihr oppositionelle Potential zu orten und zu beschreiben. In weiten Bereichen geschieht das auch sehr differenziert und klug recherchiert 3. Schwierig wird es mit der objektiven Darstellung immer da, wo die ideologischen Vorgaben der Konrad – Adenauer – Stiftung den in der aktuellen Geschichtsschreibung erreichten Konsens überlagern. Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, warum SPD und SDP als Stichwort im Lexikon überhaupt nicht vorkommen, die CDU von einem Herrn Agethen aber ohne irgend einen Beleg zu bringen als oppositionelle Basisorganisation beschrieben wird: „An der Basis aber hielten sich (seit 1952!, – der Verfasser) bis zum Ende der DDR Formen von latenter Opposition, politischen Eigensinn und kritischer Verweigerung…“ 4. Wenn das die Bürgerrechtler gewusst hätten, wären sie wohl schon damals in Scharen in die CDU–Ost eingetreten. In der Sozialdemokratie hätten sie — laut Lexikon — ihre politische Heimat sowieso nicht suchen können, denn die wird lediglich unter dem Stichwort „Sozialdemokratismus“ 5 abgehandelt und der endete nach Werner Müllers Darstellung spätestens 1968 mit der diesbezüglichen Denunziation des „Prager Frühlings“. Unter dem Motto „Was nicht sein kann…“ wird dem SED – SPD – Papier von 1987 ebenso keinerlei Bedeutung für die Arbeit der Opposition beigemessen 6 wie der „Initiative zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei“. Wenigstens sind Meckel und Gutzeit als Personen mit einem Stichwort bedacht, sonst würde diese für den demokratischen Wiederaufbau Ostdeutschlands entscheidende Neugründung in der konservativen Geschichtsschreibung ganz in Vergessenheit geraten.

Mit dem exemplarischen Blick auf die Problematik von Anpassung und Widerstand in der Kirche sowie die Bedeutung und Gewichtung der politischen Opposition in der DDR sind auch schon die wesentlichen Probleme des Lexikons aufgezeigt: Es gibt noch keine einheitlichen Kategorien für die Einordnung und Bewertung oppositioneller Phänomene in der DDR und die Auswahl der 377 personen– und sachbezogenen Artikel ist unausgewogen. Beides sollte man/frau dem Herausgeberkreis aber nur begrenzt zum Vorwurf machen, stellt doch Veen in seiner Einführung selber fest: „Längst ist diese qualmende Geschichte (‹von Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur›) auch zum Tummelplatz der professionellen Forschung geworden, die so gerne ihre Objektivität herausstreicht und doch auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlicher Perspektive interessengeleitet ihre Arbeit verrichtet“ 7.

Die Konrad – Adenauer – Stiftung hat dies getan und sich mit der Erarbeitung des Lexikons einen großen Verdienst erworben, den alle berechtigte sachbezogene Kritik nicht schmälern kann. Sie hat sich dazu einen Herausgeberkreis gesucht, der ihre politischen Interessen vertritt. Dass sie damit die Meinungsführerschaft in einer für die beiden großen Kirchen und die politische Konkurrenz nicht immer akzeptablen Weise inne hat, können diese zwar bedauern, müssen zuallererst aber sich selber fragen, warum sie sich nicht ausreichend um die Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit gekümmert haben. Es ist zu hoffen, dass sich Andersdenkende aus der Kirche, Politik und DDR – Opposition jetzt nicht in den Schmollwinkel zurückziehen oder reine Ideologiekritik betreiben, sondern das Lexikon als Aufforderung zum wissenschaftlichen Streit begreifen und annehmen.

Lothar Tautz, Berlin den 9. 1. 2001

Anmerkungen

1: S. 40

2: S. 122

3: vgl. z.B. Konziliarer Prozeß, Maser, S. 226ff oder Menschenrechte, Neubert, S. 256ff

4: S. 95

5: S. 328ff

6: S. 335f

7: S. 8

zum Seitenanfang