Orte der Zivilcourage — Konzeption

Erinnerung — Identität — Aktion

1. Idee

Gibt es eine ostdeutsche Identität? — Eine viel gestellte Frage, die das Problem der DDR–Identität zum Hintergrund hat. Die Antwort ist bisher offen geblieben und der doppelte Identitätsverlust der Ostdeutschen vor und nach der Wende äußert sich in den bekannten Schwierigkeiten beim Aufbau von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern.

Ein Schritt zur Problemlösung ist die Suche nach Identifikationsmöglichkeiten in der Region. Wo das in Hinsicht auf Traditionen, Landschaften und historische Bauten bereits begonnen hat, sind erste Erfolge zu sehen. Darüber hinaus können zwischen Erzgebirge und Ostseeküste Ereignisse und Personen benannt werden, die die ideologiefreien Werte der Humanität auch in Zeiten des Totalitarismus dargestellt und vertreten haben. Für die Ära des Nationalsozialismus ist das weithin geschehen, wenn auch noch nicht abgeschlossen. Über die Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR ist inzwischen viel geforscht worden, Vereine und Institutionen widmen sich diesem Thema, aber Ereignisse, Personen und Orte widerständigen Verhaltens sind in ihrer Region kaum bekannt, geschweige denn, dass sie im öffentlichen Bewusstsein weiterwirken. Genau diesem Thema aber widmet sich die Aktion „Orte der Zivilcourage“.

Dabei sollen keine neuen Helden geschaffen, sondern Ereignisse benannt werden, in denen sich Zivilcourage im Alltag des Totalitarismus sowohl in der Nazizeit als auch unter den Bedingungen stalinistischer Gewaltherrschaft artikuliert hat. Gerade die Einbettung von mutiger Haltung und Handlung ins Alltägliche ermöglicht die nachträgliche Identifizierung der Zeitgenossen und der jüngeren Generation. Wo Menschen mit humanitären Werten Indoktrination und Unterdrückung stand– und gegen gehalten haben, muss man sich seiner Vergangenheit nicht schämen, selbst wenn andere die oppositionelle Tat vollzogen.

Die Umsetzung der Konzeption für „Orte der Zivilcourage“ erschöpft sich allerdings nicht in dieser heilsamen psychologischen Wirksamkeit. Ihr eigentlicher Zweck wird erst an dieser Stelle genannt: Die Ehrung der Verursacher, also der Bürgerinnen und Bürger, die ohne Heldentum ihrer Überzeugung in Wort und Tat Ausdruck verliehen haben, dass die Menschenrechte am Ende stärker sind als das Recht des Stärkeren. Darüber hinaus werden die bekannten Defizite in der Vermittlung der Geschichte Nazideutschlands und der DDR an einer wesentlichen Stelle gemindert.

2. Elemente

  • Erinnerung: Aufsuchen von Personen und Orten, die mit Ereignissen in Ostdeutschland verbunden sind, in denen sich Zivilcourage in der Zeit zwischen 1933 und 1989 geäußert hat, Verifizierung in Wort und Bild (Printmedien und Film)
  • Identität: Verortung in der Region, Bekanntmachung, Einbindung der örtlichen Multiplikatoren (Meinungsführer); örtlichen Träger für „Aktion“ suchen
  • Aktion: Pressearbeit, Veranstaltung zur Erinnerung und Vergegenwärtigung, Gedenktafel, Broschüre mit regionalen Bezug, Buch/Film zum Thema, Projekte

Diese Elemente zeigen bereits pädagogisch–didaktische Aspekte der Konzeption auf. Bildungsarbeit geschieht bereits im Vorfeld der „Aktion“. Sobald der „Ort der Zivilcourage“ identifiziert ist, kann eine kontinuierliche Projektarbeit bezogen auf Schul–, Hochschul– und Erwachsenenbildung beginnen. Im Nebeneffekt hilft die damit verbundene Distanz zum herkömmlichen Unterrichtsgeschehen dem Teil der Lehrkräfte, die mit der Vermittlung von DDR–Geschichte aus persönlichen Gründen Schwierigkeiten haben.

3. Projektträger

Im Pilotprojekt Sachsen–Anhalt (Kongress „Frieden und Gerechtigkeit heute“ am 26./27. April 2002) fungierten die Landeszentrale für politische Bildung und die Behörde der Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen als Träger. Die beiden großen Kirchen hatten sich der Aktion angeschlossen (der Gedenkort ist in diesem Fall ein katholisches Pfarrhaus). Das Projekt wurde im Wesentlichen von Mitgliedern von „Gegen Vergessen — Für Demokratie e.V.“ und vorbereitet. Der damalige Vorsitzende, Hans Koschnick, war selbst vor Ort. Der internationale Bezug war durch die Teilnahme von Jaroslav Sabata, einen der Verfasser der Charta 77 gegeben.

Die bisherige Arbeit bezog sich bisher geographisch auf Sachsen–Anhalt und inhaltlich auf die 50. Wiederkehr des Aufstandes am 17. Juni 1953 (vgl. dazu die Broschüre „Der 17. Juni 1953 in Halle — ein Tag der Zivilcourage“, Halle 2001) sowie auf den Revolutionsherbst 1989. Darüber hinaus sollen die Menschenrechtsgruppen der 68er und 70er und die oppositionellen Gruppen der 80er Jahre Gegenstand des Projektes sein. Besonders wichtig erscheint es, auch Zivilcourage während der Nazizeit zu identifizieren, die sich häufig ganz unspektakulär in Städten und Dörfern entwickelte und zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Vorschläge für die Fortführung des Projektes und konkrete Anregungen für die Identifizierung weiterer „Orte der Zivilcourage“ können gern über die Geschäftsstelle von „Gegen Vergessen…“ in Teuchern gemacht werden.

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